Corona-Tagebuch „Es ist alles so unwirklich, so brutal“

Verfasst am 25.03.2020 von

Impulse-Blogger Jürgen Krenzer muss sein Hotel schließen, sein Team in Kurzarbeit schicken – und ist selbst erstaunt, wie ruhig er bleibt. Sein Tagebuch über eine harte Woche in Corona-Zeiten.

Montag, 16. März, 15.30 Uhr

Deutschland storniert sich heute selbst. Nach den Pressekonferenzen am Mittag ist klar, dass sich für die Hotellerie und Gastronomie vieles ändern wird: verkürzte Öffnungszeiten, Mindestabstand zwischen den Gästen …

Die Telefone in Krenzers Rhön stehen nicht mehr still. Mein Sohn Max, der gerade zu Hause den Laden schmeißt, steht vor einer echten Belastungsprobe.

Meine Frau und ich sind noch zu Besuch bei Freunden in Rheinhessen. Wir wollen uns anschauen, wie sie ihr Hochzeitshotel in ein Wellness-Resort umgebaut haben. Im Wellnessbereich geht es sehr ruhig zu – es sind nicht mehr viele Gäste da.

Dienstag, 17. März, 10.30 Uhr

Nach dem Frühstück packen wir unsere Sachen. Meine Frau will nach Hause. Sie hat Hummeln im Arsch und will sich einen Überblick über die Stornierungen verschaffen.

Auf der Heimfahrt über leere Autobahnen reden wir kaum. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Vor einiger Zeit habe ich öffentlich einen wirren Gedanken zur Zukunft unseres überhitzten Wirtschaftssystems geäußert. Ich stellte Freunden ein ganz einfaches Szenario vor: Stellt euch vor, in der ganzen Republik würde einen Tag lang nichts gekauft. Nichts getankt. Nicht übernachtet. Damals sagte ich, dass schon nach zwölf Stunden die totale Krise herrschen würde. Ach, was haben die alle gelacht. Aber vielleicht lag es auch an den dazu gereichten Kaltgetränken.

Dienstag, 17. März, 15.54 Uhr

Ich sitze auf meiner Obstwiese vor dem gelben Schäferwagen, habe einen Krug bestes selbstgebrautes Bier in der Hand und schaue in die Sonne. Trotz des schönen Wetters ist eine nicht gekannte Leere in mir. Denn gerade haben wir eine wichtige Entscheidung getroffen. Wir werden Krenzers Rhön komplett schließen.

Lange habe ich mit mir gekämpft. Aber es macht keinen Sinn. Touristische Übernachtungen sind verboten, geschäftliche lagen bei uns schon vor Corona bei ca. 1 Prozent. Und wenn die Wirtsstube um 18 Uhr schließen muss, brauchen wir erst gar nicht anfangen zu kochen. Viele Kollegen setzen jetzt auf Außer-Haus-Verkauf ihrer Speisen. Ich halte das für eine Verzweiflungstat. Da läuft zwar Umsatz, aber kaum Gewinn.

Ab heute, Punkt 18 Uhr ziehen wir die Reißleine. Für diese Zeit habe ich mein komplettes Team einbestellt. Denn meine Leute sind verunsichert, brauchen jetzt eine Ansprache und eine Entscheidung. Und den positiven Blick in die Zukunft. Ich habe jetzt noch zwei Stunden und vielleicht noch ein Bier, um mich auf diesen harten Moment vorzubereiten.

Dienstag, 17. März, Punkt 18 Uhr

Als ich pünktlich die Wirtsstube betrete, sind schon alle Mitarbeiter da. Kein Gewusel wie sonst bei unseren Treffen. Jeder sitzt ruhig auf seinem Platz und wartet auf mich. Als könnte der Cheffe jetzt die Welt retten. Nein, kann ich nicht. Aber vielleicht unsere kleine, besondere Welt hier in Krenzers Rhön.

Ich verkünde unsere Entscheidung und bitte mein Team, dem künftigen Status der Kurzarbeit zuzustimmen. Einige haben wohl schon mit der Kündigung gerechnet, da sie noch in der Probezeit sind oder einen befristeten Arbeitsvertrag haben. Doch das wird nicht passieren. Wir haben hier ein fantastisches Team. Gerade in diesem Augenblick zeigt sich das. Ich weiß, dass es weitergeht. Den Zeitpunkt kann ich noch nicht benennen. Auch die befristeten Verträge werden weitergeführt.

Nach der Besprechung wollen viele nicht nach Hause gehen. Es ist alles so unwirklich. So brutal. Ich kann es nicht wirklich ausdrücken. Genau jetzt haben wir das beste Ensemble aller Zeiten beisammen. Und dieses Spitzenteam muss ich jetzt nach Hause schicken. Ich müsste eigentlich heulen. Was ich später auch tue.

Donnerstag, 19. März, 11 Uhr

In der Brauerei in Memmelsdorf hole ich 900 Liter bestes Pilsbier ab. Wann ich es verkaufen werde, steht in den Sternen. Aber gebraut ist gebraut. Eigentlich sollte zu unserem 127. Geburtstag in zwei Tagen der Zapfhahn glühen. Eigentlich …

Was mich momentan beruhigt: Seit Ende letzten Jahres sind wir unabhängig. Wir haben alle Bankkredite getilgt. Ein gutes Gefühl. Auch wenn ich nicht weiß, was passiert, wenn wir irgendwann frisches Geld von der Bank brauchen werden. Meine Frau erfährt heute in einer Experten-Fragestunde von impulse, dass die Banken eher neue Kredite an Kunden mit hohen Verbindlichkeiten gewähren. Einer wie ich gilt – egal ob der Laden solide oder gar nicht geführt wird – als neues Risiko.


Freitag, 20. März, 22.34 Uhr

Ich bin den ganzen Tag mit Warenlogistik beschäftigt. Ich muss Kühlprotokolle erstellen und Hygienelisten ausfüllen. Obwohl nicht mehr gekocht wird. Bürokratie muss auch in Corona-Zeiten sein. Am Abend sitze ich wieder in meiner Schreibküche. In anderthalb Stunden haben wir Geburtstag. Ich poste auf unsere Krenzers-Rhön-Seite diesen Text:

21. März 1893. Mein Urgroßvater Josef Herrlich kauft für 6500 Reichsmark das, was meine Familie und ich heute zu krenzers rhön gemacht haben. Und jeden Tag mit unserem Team lieben und leben. 127 ereignisreiche Jahre. Kaiser Wilhelm. 1. Weltkrieg. Naziherrschaft. 2. Weltkrieg.  Sattfresserjahre. Weltwirtschaftskrisen. All das durften die Krenzers hier schon erleben. Der März ist hier in krenzers rhön schon immer ein besonderer Monat. Und jetzt auch noch ein bewegender. Historischer. Fundamentaler.

Anfang der Woche haben wir gemeinsam mit unserem fantastischen Team beschlossen, den Betrieb vorerst einzustellen. Wer mich kennt, weiß, wie schwer mir das fällt. Bin ich doch dafür bekannt, bei Regenwetter die Gartenwirtschaft zu öffnen.  Und immer gegen den Strom zu schwimmen. Es macht aber keinen Sinn. Meine Leute haben recht. Es ist kein Regen. Kein Strom. Das, was jetzt ist und was noch kommt, ist eine ganz andere Hausnummer. Wer glaubt, dass in zwei Wochen alles vorüber ist, der hat einen kompletten Realitätsverlust erlitten. Aber das hatten viele schon vor dieser Krise.

Meine geliebten Mitarbeiter gehen in Kurzarbeit. Ich verzichte auf meinen Unternehmerlohn. Obwohl ich jeden Tag hart im und vor allen Dingen AM Unternehmen arbeite. Und NEIN! Hier gibt es kein Mimimi und Gejammer. Der Blick ist nach vorne gerichtet. Die Welt wird sich neu erfinden müssen. Wir in krenzers rhön sowieso. Die alten Strukturen sind weggebrochen. Neue noch nicht da. Da ist viel Raum. Seeehr viel Raum. Für was? Für Neues! Für sehr viel Neues!

Ich wünsche Euch allen da draußen und hoffentlich @home starke Gedanken. Viel Liebe. Guten Sex. Gesundheit. Zukunft ist das, was wir daraus machen.

Rock’n roll! – Euer Jürgen

Samstag, 21. März, 7.54 Uhr

Ich weiß nicht mehr, was für ein Wochentag heute ist. Das ist wie im Urlaub, wenn du total entspannt bist und alle Systeme runtergefahren hast. Aber es ist kein Urlaub, verdammt noch mal!

Für mich gibt es im Moment nur noch eines: die Zukunft. Ich bin total fokussiert. Krise ist so ein wahnsinnig produktiver Zustand. Er wird nur für jene zur Katastrophe, die jetzt nicht die Ruhe bewahren. Ich habe gerade eine stoische Ruhe. Manchmal bin ich selbst überrascht.

Das ist schon krass. Unseren Betrieb gibt es seit 127 Jahre. Meine Frau und ich haben jetzt die sehr anspruchsvolle Aufgabe, ihn durch ganz schwierige, ja zerstörerische Zeiten zu geleiten. Ich glaube, wir sind ein verdammt gutes Führungsduo. Wir werden das schaffen. In diesen Zeiten ist es ganz wichtig, sich wieder einmal klar zu machen, um was es überhaupt geht. Nämlich unser Leben. Und um nichts anderes!

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