FUCKING HELL
Es ist der 13. Mai 2013, also exakt 13 Jahre her.
Mein Freund Philipp und ich schreiben in der Brauerei Drei Kronen in Memmelsdorf Geschichte. Ohne es zu wissen.
Denn wir entscheiden aus einer Laune heraus, heute ein helles Bier zu brauen. Bisher war das KRENZER 40 Bier, das wir gemeinsam einbrauen fast immer haselnuss- oder bernsteinfarben.
Aber an diesem Tag wird alles anders. Philipp hat recherchiert, dass es in Österreich eine Brauerei gibt, die in einem beschaulichen Ort namens Fucking liegt. Und die brauen ein helles Bier. Und nennen es FUCKING HELL. Wir feiern dass und beschließen, auch ein FUCKING HELL zu brauen. Was wir natürlich nicht so nennen (dürfen).
Und ich sehe aus dem Sudprotokoll, dass es kein „normales“ Helles, war. Also eines, wie man es heute kennt. Das hätte mich auch gewundert. Es war ein sehr geiles Bier, was sogar den Junggesellenabschied von Philipp begleitet hat.
Heute ist der 28. Mai 2026. Die „Helle Welle“ hat das Land erfasst. Jede, naja, fast jede Brauerei kommt angeblich nicht drumherum, ein „Helles“ zu brauen. Jeder möchte noch auf diesen Zug aufspringen, der schon ein ICE ist. Genickbruch inklusive. Ich selbst bin absolut kein Pilstrinker (witzig, hatte mich gerade vertippt und da stand „Pisstrinker“) mit wenigen Ausnahmen, z.B. Kneitinger Pils aus Regensburg. Wahrscheinlich, weil es für ein Pils mit 5,5 Umdrehungen schon unüblich daherkommt. Übrigens eine sehr erfolgreiche Biermarke. Weil die ein Bier gemacht haben, was man so nicht auf den Markt bringen kann.
Merkste was?
Die „Helle Welle“ begann eigentlich schon im Jahre 1894, also ein Jahr nachdem mein Urgroßvater unseren Laden hier als „Herberge für Rösser und Mannsleut“ gründet. Denn die Münchner Spatenbräu brachte als Reaktion auf das allgegenwärtige böhmische Pils eine süffige und einfache Biervariante auf dem Markt. 120 Jahre später explodierte diese Idee. Vorreiter waren Augustiner, Brauhaus Tegernsee, Ayinger und Weihenstephaner. Also alles oberbayerische Brauereien. Jetzt ist dass auf das ganze Land übergeschwappt. Und alle machen mit?
Wirklich alle?
Ich kenne viele Braumeister persönlich, die trinken am liebsten Pils. So auch mein Freund Uli, der sich sogar plakativ diesem Trend widersetzt hat. Ich glaube, er hatte auf seinem Auto den Spruch stehen: „Alles, außer Helles!“ Doch auch Uli ist jetzt eingeknickt. Ich kann das sogar verstehen. Da läuft ne Menge Umsatz an dir vorbei, wenn du es nicht machst. Der Kostendruck in unseren Betrieben wird Jahr für Jahr stärker. Und du musst schwach werden, damit du deine Rechnungen noch bezahlen kannst. Ein Scheißspiel Echt. Aber in etwas größeren Strukturen musst du das spielen.
Oder du bleibst ganz klein, um auch nur das zu machen, was du liebst.
Und auch dieser Weg ist knallhart und keineswegs von Betriebsromantik geprägt. Ich weiß, von was ich schreibe. 2020 habe ich das klassische á la carte-Geschäft verlassen. Und die Fresse vollgekriegt. Nach der Pandemie haben wir unsere Preise erhöht, und wieder Prügel bekommen. Die Änderungen unserer Öffnungszeiten haben viele auch nicht verstanden – oder verstehen wollen.
Da kommt schon eine Menge auf dich zu. Das kann man dann auch mit FUCKING HELL unterschreiben. Und da musst du jetzt durch. Oder du bist wie die anderen. Ich habe dafür einen schönen Satz, der mich geprägt hat:
„Wenn es nicht mehr weitergeht, gehe weiter. Bis es weitergeht!“
Die Marke „krenzers rhön“ steht eben nicht für beliebig und austauschbar. Das waren wir noch nie. Allerdings waren die Zeiten auch noch nie so, wie sie jetzt sind. KRASS! Unsere Antworten auf diese Zeiten mit ihren unbarmherzigen Begleiterscheinungen sind:
Haltung zeigen
Noch klarer werden
Einfacher werden und unnötiges weglassen
Sich noch mehr um die Menschen kümmern
Etwas ganz Besonderes aufbauen
Mit positiver Wirkung auf alle, die hier arbeiten und hier eine wertvolle Zeit verbringen.
Denn am Ende geht es nicht um Helles. Nicht um Pils. Nicht um Trends.
Es geht um die Frage, ob du noch den Mut hast, dein eigenes Ding durchzuziehen, obwohl dir jeden Tag erklärt wird, dass du gefälligst so sein sollst wie alle anderen.
Viele Unternehmen sterben heute nicht an schlechten Produkten. Sondern an Angst. An Vergleichbarkeit. An glattgeschliffener Beliebigkeit.
Und genau deshalb werden echte Orte, echte Menschen und echte Haltung in Zukunft nicht billiger. Sondern unbezahlbar.
Oder um es mit einem Satz zu sagen, der perfekt zu FUCKING HELL passt:
„Wer immer nur das macht, was alle machen, wird irgendwann genau wie alle behandelt.“
Und das wäre für mich die eigentliche Hölle.
„Mainstream ist oft nur die höfliche Form von Orientierungslosigkeit.“

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