Der Geschmack der Freiheit – eine Weihnachtsgeschichte aus der Zukunft

Verfasst am 25.12.2025 von

Auf vielfachen Wunsch gibt es wieder eine Weihnachtsgeschichte. Die im Jahr 2055 spielt. Flashback 2013: Dank Schmerzmittel (wegen über 48 Jahre stark strapazierten Rücken) und gleichzeitigem Doppelbock-Konsum (wegen exponentiell zur Weihnachtszeit steigender Psychopathen) habe ich vor 12 Jahren nachts Träume. Und was für welche! Hammer!!! Nicht alle sind jugendfrei. Und nicht jeder sollte unbedingt publiziert werden. Dieser hier schon (der 1. Teil der Geschichte aus 2014):

Heute ist der 23. Dezember 2045, 23.53 Uhr.  

Es ist wie immer stockdunkel in der Rhön. Und arschkalt. Wie immer eben. Daran hat sich auch nach 20 Jahren nichts geändert. Der 80-jährige Krenzer macht sich auf den Weg. Im großen Rucksack hat er 20 Flaschen Apfelsherry aus dem Whiskyfaß. Schon seit anderthalb Stunden ist er zu Fuß unterwegs. Um sich mit den Dealern echter Lebens-Mittel zu treffen. Das geht nur noch zu Fuß. Die Polizei an den Straßen kontrolliert schon lange keine Alkoholsünder mehr. Sondern hat sich auf das weitaus lukrativere Ermitteln gegen die Lebens-Mittel-Dealer spezialisiert. Früher dealte man Drogen. Jetzt dealt man Brot. Die Strafen sind härter geworden.

Dealer von Lebens-Mitteln, die mittlerweile illegal sind. Weil sie nicht den weltweiten Anforderungen industrieller ISO-zertifizierter und staatlich regulierter Produktion entsprechen. Und nicht irgendein schwachsinniges Siegel tragen. Weil sie – ja wirklich noch von Hand mit Leidenschaft und Begeisterung von Menschen gefertigt werden. Weil jedes Stück von ihnen in dieser Zeit ein Kunstwerk ist. Und weil das schon seit über 10 Jahren unzulässig ist! Denn solch eine handwerkliche Lebens-Mittel-Produktion kann Menschen in Gefahr bringen! Das zumindest sagt die Welt-Gesundheits-Organisation (WHO). Die Junkfood-Industrie hat gesiegt. Auf ganzer Breite. Hat die Menschen in den letzten 20 Jahren an den Massen-Nahrungsmittel-Müll gewöhnt. Die Menschen merken gar nicht mehr, dass sie nur noch Scheisse fressen (sorry für die harte Ausdrucksweise). Wieso auch? Sie kennen leider nichts anderes mehr.

Doch jetzt, mitten im Rhöner Wald da treffen sie sich. Die echten Junkies. Die keinen Müll in sich hineinschaufeln. Und damit schon ziemlich alt geworden sind. Es wird getauscht, was das Zeug hält. Krenzer tauscht zwei Flaschen Apfelsherry geben 2 Liter Pacifator vom PAX-Bräu – der Andreas geht auch übrigens schon auf die siebzig zu. Schnapsbrenner Claus tauscht eine Flasche Rhöner Birnenbrand gegen fünf Brote von Christof aka Häuptling Backender Bär (84). Eines dieser Brote tauscht er gleich wieder gegen ein Glas Imker-Honig von Günther. Der ist schon lange tot – aber seine Enkelin dealt begeistert mit. Käse und vor allen Dingen Rhöner Wurst werden hier ebenfalls eingetauscht. Es geht zu wie in einem Tollhaus. Es ist jedes Jahr der geilste Weihnachtsmarkt! Und niemand, wirklich niemand weiß davon.

Aber…

Das ist riskant! Weil ja streng illegal! Und die Konsequenzen sind dramatisch. Jeder der Dealer, der erwischt wird, landet für 6 Monate im Arbeitslager. Solch harte Strafen sind seitens der Regierung notwendig geworden – der Abschreckung wegen. Denn schon überall in Europa treffen sich die Menschen heimlich in den Wäldern. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

Nicht jeder überlebt diese 6 Monate Arbeitslager. Es sind nämlich moderne Arbeitslager. Aber nicht minder grausam. Denn die „Dealer“ müssen zur Strafe in großen Junk-Food-Fabriken am Fließband arbeiten. „Resozialisierung nennt man es. Geschmacksauslöschung trifft es wohl besser. Je nachdem, was er gedealt hat, landet dieser beispielsweise in einem großen Geflügel-KZ. Wie Josef, der bei einer Polizeikontrolle mit Weihnachtsgänsen im Kofferraum erwischt wurde. Illegal-Metzger Johannes musste 6 Monate in einer großen Wurstfabrik aus Separatorenfleisch Wienerle herstellen. Dennoch kann er das Dealen nicht lassen. So wie die meisten. Als jedoch Brauer Ulrich in die große Bierraffinerie Oellinger eingewiesen werden sollte, um dort Massenbiere abzufüllen wählte er den Freitod. Eines Morgens baumelt er leblos über seinem historischen Kühlschiff.

Hier endet der erste Teil, der auch in meinem Buch „Unfiltriert“ abgedruckt ist. Es folgt jetzt Teil 2. Weiterhin viel Spaß beim Lesen und Nachdenken:

Das ist zu jener Zeit leider kein Einzelfall. In den letzten 5 Jahren gab es europaweit über 300 Suizide von Lebensmittelhandwerkern. In der Folge legalisiert die Regierung teilweise die Herstellung art- und naturgerechter Lebensmittel. Teilweise ist ein schönes Wort. Es klingt nach Hoffnung und meint Kontrolle.

Es entstehen sogenannte Zonen für kulturelle Ernährung. Drei Stunden am Tag. Montags, mittwochs, freitags. Nur nach Anmeldung. Nur mit Zertifikat. Nur für Produkte, die „traditionsfähig, aber systemkonform“ sind. Sauerteig ja, Rohmilch nein. Apfelwein ja, Fassreifung nein. Geschmack darf sein – aber bitte moderat. Parallel wird die Junk-Food-Industrie ausgeweitet. Zur Sanierung der Staatsfinanzen verpachtet die Bundesregierung das Land Mecklenburg-Vorpommern an China, die dort riesige Nährmittelfabriken errichtet. Um ganz Europa mit billigen Pseudo-Lebensmitteln zu versorgen. Der Plan der Regierenden scheint aufzugehen. Scheint. Denn was im Jahre 2045 im Rhöner Wald begann, wir 2055 zur Staatskrise.

Die Rhön wird still beobachtet

Denn dort passiert etwas Merkwürdiges. Die Menschen reden wieder über Essen. Nicht über Nährwerte oder Kaloriencodes, sondern über Böden, Hefen, Geduld. Alte Begriffe tauchen auf wie verbotene Wörterbücher: Reife. Zeit. Handwerk. Fehler.

Krenzer wird älter. Und gefährlicher – zumindest aus Sicht der Algorithmen. Er produziert offiziell nichts mehr. Er erzählt. Geschichten über Geschmack. Über Apfelbäume, die länger leben als Verordnungen. Über Sherry, der nicht optimiert, sondern wartet.

Die Behörden verstehen das nicht. Geschichten lassen sich schlecht regulieren.

In den 2040ern formiert sich das, was später „das Netzwerk“ genannt wird. Keine Organisation. Keine Struktur. Eher ein Myzel. Bäcker, Brauer, Brenner, Weinmacher, Imker, Metzger, Käser. Und irgendwann: IT-ler. Leute, die früher Apps für Lieferdienste gebaut haben und jetzt wissen, wie zerbrechlich perfekte Systeme sind.

Einer von ihnen heißt Dirty Harry. Niemand weiß genau, wie er wirklich heißt. Krenzer kennt ihn aus Forchheimer Nächten, als Kaffee noch Kaffee war und ein Espresso keine Datenspur hinterließ. Seit dem sowohl spektakulären als auch ungeklärten Brandanschlag auf Ihre beiden Oldtimer, sind sie befreundet. Harry hasst zwei Dinge: schlechten Code und schlechten Kaffee. Beides gibt es 2050 im Überfluss. Er hackt nicht aus Wut, sondern aus Enttäuschung.

Er sagt einen Satz, der später oft zitiert wird:  „Wenn alles zentral ist, reicht ein Punkt.“

Der Plan reift langsam. So wie guter Stoff. Kein Sturm, keine Revolution. Nur ein gezieltes Dunkel. Kein Chaos – sondern Stille. Und diese Stille soll sprechen.

Der 1. Advent 2055 ist perfekt

Die Lager voll. Die (Weihnachts-)Märkte offen. Die Menschen im Kaufrausch. Und dann: nichts. Keine Raffinerien. Keine Lieferketten. Keine Junkfood-Gewissheit.

Drei Tage später tauchen wieder Dinge auf, die man kauen muss. Und riechen. Und schneiden. Erst illegal. Dann geduldet. Dann erlaubt, weil nichts anderes da ist.

Die Menschen merken etwas Seltsames: Sie werden satt. Nicht nur im Magen.

Im Januar 2056 versuchen die Fabriken wieder hochzufahren. Technisch funktioniert alles. Wirtschaftlich nicht. Die Geschmäcker sind verwirrt. Erinnerungen sind zurückgekehrt. Und Erinnerungen sind brutal loyal. Geschmack muss neu gelernt werden. Wie Freiheit. Und Verantwortung. Menschen unter 30 Lebensjahren kenn das nicht mehr.

Die Regierung fällt. Nicht laut. Sondern peinlich. Zu viele Köche. Zu wenig Ahnung von Essen.

Die neuen Ministerien werden belächelt – bis sie wirken. Das Glücksministerium streicht nichts, es hört zu. Das Ministerium für echte Lebensmittel schafft neue Strukturen, die auf alten Traditionen fussen. Das Streuobstministerium pflanzt nicht nur Bäume, deren Ernte keiner Legislaturperiode gehört. Die Früchte gelangen auch – im wahrsten Sinne des Wortes – zu den Menschen. Sie sind unperfekt, regional, widerspenstig und nicht standardisierbar. Der Apfel als Gegenentwurf zur ISO-Welt.

Und irgendwo in der Rhön steht ein alter Mann, inzwischen über neunzig, mit einem Glas Apfelsherry in der Hand. Er trinkt langsam. Nicht aus Nostalgie. Aus Überzeugung. Er weiss genau: Systeme lernen langsam, Menschen schneller. Und Geschmack ist nicht mehr verhandelbar.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann handeln sie noch heute.

Nicht mit Angst. Sondern mit Geschmack.

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