Vorwärts in die Vergangenheit

Verfasst am 23.12.2012 von

Schon seit Jahren liegt mir mein Freund Percy im Ohr, unbedingt mal diese Brauerei mit Wohnzimmerkneipe im Hohenlohischen Spielbach zu besuchen. Und kurz vor dem geplanten Weltuntergang haben wir es getan. Und es wurde eine etwas andere Weihnachtsgeschichte daraus…

Doch eines ist gewiss: Wenn die Welt auch untergegangen wäre – dieser Laden garantiert nicht! Denn hier ist seit über hundert Jahren die Zeit absolut stehen geblieben…

Es ist Donnerstag, der 20. Dezember 2012. Nach 2 1/2 Stunden Fahrt treffen wir um Punkt 19.30 bei der Goldochsenbrauerei in Spielbach (Landkreis Schwäbisch Hall, unweit von Rothenburg ob der Tauber) ein. Im Nachbarort Schwarzenbronn sind im Goldenen Ross  die Zimmer gebucht. Aber wir haben keine Zeit zu verlieren. Fahren sofort zur Brauerei. Denn die Öffnungszeiten dieser ungewöhnlichen Gaststätte sind limitiert. Um 18 Uhr wird aufgeschlossen – und um 22.30 Uhr wird zugesperrt. Ohne Ausnahme! Von außen ist der Hof weder als Brauerei noch als Wirtschaft zu erkennen. Also gehen wir nach dem Bauchgefühl. Wo stehen die meisten Autos? Ah, hier muß es sein. Der Eingang!

Wir betreten die Wirtsstube. Und jetzt weiss ich: Herzlich willkommen, lieber Jürgen im Jahr 1912. 6 Tische, davon einer mit einem alten Sofa. Über der Theke verläuft das Ofenrohr. Percy muss sich bücken, so niedrig ist die Stube. Und die ist gut gefüllt. Wir stehen im ersten Moment etwas blöd rum – denn es gibt keinen Platz mehr. Plötzlich ruft ein Einheimischer uns zu, das er gerne für uns seinen Stuhl räumt. Das  finden wir sehr nett. Er wollte sowieso gehen. Jetzt ist er sogar noch 5 Minuten früher zu Hause. Und plötzlich sitzen wir inmitten der alten Stammkundschaft am langen Tisch. Wir haben Durst. Und Hunger. Ich bestelle per Handzeichen zwei Halbe und die werden von der jungen Dame in der historisch anmutenden Kittelschürze prompt serviert. Das Bier schaut gut und süffig aus. Ein dunkelgoldenes Gebräu wartet auf uns. Und es schmeckt seeehr lecker. Zu lecker. Denn jetzt schaue ich aufs Glas. Und ich habe mir es fast schon gedacht. Es ist ein Bock! Der legendäre Festbock der Goldochsen-Brauerei, den es nur für kurze Zeit gibt. Mit knapp 8 % Alkohol aber ein bisschen zu heftig gegen den Durst. Ich schaue mich um. Alle trinken hier Bock. Es gibt nichts anderes – außer einer anderen Kneipe. Aber das kommt nicht in Frage.

Wir freunden uns mit „Manni“ an, der uns einige Anekdoten zu dieser Wirtschaft erzählt. Natürlich hatte ich auch schon im Internet recherchiert (allerdings hat der Goldochsen selbstverständlich keine Homepage). Der frühere Wirt Fritz Unbehauen lebt nicht mehr. Er ist hier eine Legende. Denn der hat nicht an jedem sein Bier ausgeschenkt. Da musstest du als Gast schon sympathisch sein. Oder weiblich. Und der Landesregierung im fernen Stuttgart hat er einen Korb gegeben, als die sein Bier auf irgendeinem Empfang ausschenken wollten. Schimpfte auf die Politiker-Elite wie ein Rohrspatz. Kauften die örtlichen Vereine ihr Festbier nicht bei ihm, dann fuhr der Landwirt pünktlich zum Start des Dorffestes erst einmal eine Runde Gülle aus. Also ziemlich unbehauen, dieser Fritz.

Die Frage nach einer Speisekarte erübrigt sich hier. Es sei denn, du willst dich hier als dämlicher Tourist outen. Ich frage besser, was es zu essen gibt. Es gibt Spielbacher Wurstplatte und Schnitzel mit Bratkartoffel. Also bestellen wir zur Verwunderung der Einheimischen genau in dieser Reihenfolge. Das Servicemädel schmeisst auch die Küche. Und das dauert. Mindestens eine Stunde oder drei Bocklängen. Oh mein Gott! Als wir das zünftige, gute hausgemachte Essen bekommen, hat auch das Publikum an unserem Tisch gewechselt. Vier junge Kerle und ein Mädel nehmen bei uns Platz. Der Altersdurchschnitt des Tisches sinkt im Nu um 50 Jahre. Auch hier kommen wir ins Gespräch und tauschen noch den einen oder anderen Brauerei-Tipp in der Region aus.

Draußen fängt es an zu schneien. Drinnen wird der Kamin nochmals angeschürt. Eine Rauchwolke nebelt uns ein. Also wirklich – so muss es früher gewesen sein. Das Mädel mir gegenüber hat bereits innerhalb kürzester Zeit den zweiten Bock. Mein Gott, ist dieses Bier süffig. Aber auch gefährlich. Gegen 22 Uhr bestellen wir das letzte Bier – obwohl der Durst jetzt eigentlich gestillt ist. Langsam leert sich das historische Wirtshaus. Aber heute scheint ein besonderer Tag. Das Publikum scheint der Senior-Chefin so sympathisch, das wir noch ein Weilchen sitzen dürfen. Gegen 23 Uhr will ich zahlen. Ach ja, das „Bezahlen“ der Zeche ist hier Kult. Ich muss in „Kabinettle“ gehen, ein holzvertäfelter Raum neben der Theke. Dort sitzt die Senior-Chefin mit einem Holzkästlein und befragt mich nach Herkunft, Wohlbefinden und… der Zeche. Erst jetzt darf ich zahlen. So war das früher beim alten Fritz genauso. Ich überreiche ihr noch eine kleine  Flasche ApfelSherry – die sie unbedingt bezahlen will. Ich lehne das ab. Wir werden jetzt von Frau Rahn, der netten Wirtin vom „Ross“ in Schwarzenbronn abgeholt. Im dortigen Wirtshaus bestellen wir (warum eigentlich?) noch ein Bier. Auch hier sitzt noch eine illustre Männerrunde am Tisch. Das Tucher vom Faß ist ein Kulturschock und mag mir gar nicht schmecken. Ausserdem bin ich müde. Und gehe ins Bett. Denn morgen früh muß ich ja laufenderweise im Schneetreiben noch das Auto holen…

Percy scheint doch tatsächlich das Tucher leergetrunken zu haben. Und wahrscheinlich auch noch jenes, was ich stehen gelassen habe. Deshalb kommt er jetzt nicht aus den Federn. Ich jedenfalls jogge an diesem Morgen die 4 Kilometer alleine auf der schneematschen Straße in dichtem Nebel nach Spielbach zurück. Das fällt mir nicht leicht. Aber nach harten 30 Minuten bin ich da. Und höre Flaschenklimpergeräusche in dem ziemlich maroden Gebäude. Ich wollte ja unbedingt noch eine Kiste Bier mitnehmen. Denn dieses Bier gilt unter Insidern (und ich kann es nach dem ausgiebigen Genuß der Bockvariante gestern nur bestätigen) als eines der besten der Republik. Aber gestern Abend hat man mir am Stammtisch im „Ross“ schon klargemacht, das es schwer wird, eine Kiste zu ergattern. Besonders dann, wenn ich keine leere Kiste mitbringe. Sozusagen als Bier-Mitgift. Ausserdem erzählten mir die Hohenloher Aborigines, das kaum einer von ihnen jemals die Brauerei von innen gesehen hätte. Brauereibesichtigungen und Führungen gibt es hier nicht. Alles irgendwie mystisch…

Egal jetzt. Ich stehe vor so einer alten maroden Türe. Ist dahinter die Brauerei? Ob ich da einfach so rein kann? Ich klopfe vorsichtig an. Keine Reaktion. Ich stosse die Türe vorsichtig auf. Und bin drin. In der Brauerei. Und ich bin schon wieder einen Schritt nach vorne in die Vergangenheit gelaufen! Was ich hier sehe, ist der Wahnsinn. Absolut historisch. Unglaublich. Unkopierbar! Vor mir die Seniorchefin von gestern Abend an der alten mechanischen Abfüllung. Auf einem Hocker sitzend. Links daneben ein junger Bursche, der die Kisten mit einer Handbürste schrubbt. Rechts von ihr der Braugeselle, der für die Bierversorgung der Anlage zuständig ist. Als „Dekoration“ des Bildes im Hintergrund die alten Braukessel  – von wegen aus Kupfer. Jeder Fotograf hätte seinen Spaß an diesem Motiv. ich lasse meine Kamera lieber stecken. Und gehe mutig auf die Seniorchefin zu. Ich werde von allen dreien beäugt wie ein Eindringling. Irgendwie schon eine beängstigende Situation.  Was tut man nicht alles für ein gescheites Bier?  „Ich möchte eine Kiste Bier kaufen!“ Und ich lege nach: „Ich war gestern Abend schon da. Ich bin der Typ mit dem ApfelSherry!“ Hoffentlich kann sie sich an mich noch erinnern. Das fällt ja den 50 Jahre jüngeren Mädels manchmal schwer. Sie kann! Und jetzt kommt ihre alles entscheidende Frage: „Haben Sie eine leere Kiste dabei?“ Ich antworte wahrheitsgemäss mit „Nein!“ Sie fragt: „Bringen Sie die Kiste wieder zurück?“ Ich: „Natürlich!“ (fragt sich nur wann, denke ich mir). Ich bekomme eine Kiste Hell Spezial zugeteilt und möchte zahlen. Die Seniorchefin sagt den Preis an: „11 Euro!“ Ich zahle brav, trage stolz meine Kiste nach draussen und fasse es nicht! Elf euro? Die alte Dame hat ja noch nicht einmal das Pfand berechnet. Die vertraut echt darauf, das ich die Kiste zurückbringe. So etwas habe ich ja schon lange nicht mehr erlebt.

Auf der Rückfahrt erzähle ich Percy diese Geschichte. Er meint, ich hätte es geschafft. Befinde mich im Besitz einer Goldochsen-Kiste! Die könnte ich nun auch vererben. Denn mein Sohn würde auch in 10 Jahren bestes Goldochsen-Bier bekommen. Wenn er die leere Kiste mitbringt. Nicht jeder hat so viel Glück wie ich. Oder – anders gesagt – nicht jeder hat ApfelSherry…

Dieser Kurztrip hat mich wieder um einige Erfahrungen reicher gemacht. Denn es gibt sie noch, die einfachen und gleichzeitig perfekten Dinge. Viele Besuche in Sternehäusern habe ich schon längst vergessen bzw. verdrängt. An diesen Besuch werde ich mich immer erinnern. Und wenn man Menschen Vertrauen schenkt, dann erfüllt man sie mit Stolz. Und begegnet ihnen auf Augenhöhe. Ich bringe die Bierkiste zurück. Und hole mir natürlich eine Neue. Der Termin steht schon fest: Am Sonntag, dem 24. März 2013. So gegen Mittag. Und was hat diese Geschichte mit Weihnachten zu tun? Nichts! Oder doch? Vielleicht sollten wir nicht nur zu Weihnachten als Menschen ein wenig näher zusammenrücken. So wie in dieser urigen Bauern- und Brauwirtschaft. Mehr Toleranz statt Ingnoranz. Und die Akzeptanz von „Anderen“. Und einfach froh sein, das man dies alles erleben darf…

Eine besinnliche Weihnachtszeit und ein 2013, das es in sich hat wünscht euch allen der ChefBlöker Jürgen

1 Kommentar

  • Jürgen Motschiedler schrieb am 5. November 2020 um 9:49 Uhr

    Toller Bericht, aber woher kennst Du meine Geschichte?
    Das war exakt unsere Erfahrung vor 3 Jahren. Nachdem wir uns von anderen Brauereien Leergut besorgt haben, sind wir jetzt in Besitz von 3 (in Worten drei) Kisten Goldochsen Bier.
    LG Jürgen

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